Wohnen in der Seniorenresidenz an der Ausfallstrasse

von David Fässler

An Messen und Veranstaltungen stellen wir Besuchern und Gesprächspartnern jeweils die Fragen: Wo möchten Sie alt werden? Die Antwort kommt ohne zu zögern: Zu Hause. Nur, wo ist zu Hause? Im vertrauten Heim, in einem Altersheim oder in einer Seniorenresidenz? Letzteres habe ich mir neulich genauer angeschaut. Ein persönlicher Erfahrungsbericht.

Seniorenresidenzen sind die neuen Altersheime

Vor etwas über 10 Jahren gab es einen Hype in der Immobilienbranche: Seniorenresidenzen galten als ausserordentlich gute Anlagemöglichkeit und als die Lösung für eine älter werdende Gesellschaft. Damals wie heute gab es Residenzen im höherpreisigen Segment mit allem Drum und Dran. Viele können oder wollen sich eine solche Einrichtung nicht leisten. Die Idee, einen massgeschneiderten und flexibel buchbaren Rundum-Service anzubieten, hat sich jedoch durchgesetzt. Unterdessen bieten innovative Dienstleister auch für den Mittelstand moderne Wohnformen an, oft kombiniert mit Pflegeeinrichtungen und Anschluss an die Spitex. Individualität wird grossgeschrieben. Ein öffentlich zugängliches Restaurant ist heute Standard. Auf diese Weise wähnt man sich nicht mehr in einer Anstalt mit fixen Besuchs- und Essenszeiten, sondern an einem lebendigen Treffpunkt.

Besichtigungstermin in der Seniorenresidenz

Mich interessierte insbesondere eine neu gebaute Residenz, die einigermassen zentral gelegen ist. Diese beiden Kriterien sind nicht unumstösslich. Doch mir war es wichtig, dass in Fussdistanz Einrichtungen des täglichen Bedarfs gut erreichbar sind. Alles andere würde ich vor Ort sehen. Schon im Eingang war zu spüren: Wichtig ist die Funktionalität, auf Details wird kaum oder dann nur flüchtig Wert gelegt. Keine Blumen, kein Deko, die Bilder könnten irgendwo hängen. Ich schaue mir einige freie Wohnungen an. Die kleineren sind ok, aber in einer der grösseren verliere ich mich wie in einer Turnhalle. Selbst wenn man sich die Wohnung möbliert vorstellt, kommt keine Behaglichkeit auf.

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Im Spital oder in einer Seniorenresidenz?

Beim Eintritt ins Bad habe ich den Eindruck, ich sei im Spital. Die Wände sind von oben bis unten weiss gekachelt. Der klinische Eindruck wird durch die klobigen Haltegriffe in der Dusche und beim WC noch verstärkt. Meine Stimmung bessert sich etwas beim Anblick der zum Wohnraum offenen Küche. Diese ist grosszügig, aber doch nicht zu gross konzipiert. Wie zur Zeit in Neubauten üblich, dominiert die Küchenkombination wie eine überdimensionierte Wohnwand den Raum. Gemütlich ist anders. Leider ist die Loggia eine Enttäuschung: In der eingemauerten Nische will man nicht allzulange verweilen. Für einen ersten Eindruck habe ich genug gesehen. Draussen vor der Tür werde ich vom Motorenlärm des frühabendlichen Feierabendverkehrs vollends in die Realität zurückgeholt. Auf einen Spaziergang in die nähere Umgebung verzichte ich.

In Befragungen zu Wohnaspekten der älteren Bevölkerung rangiert der Wunsch nach einer ‚gemütlichen Wohnung‘ regelmässig und deutlich auf dem ersten Platz. Mir ist klar, dass der Begriff ‚gemütlich‘ sehr individuell ist. Mir ist aber auch etwas anderes bewusst geworden: Die frühe Beschäftigung mit der Frage, wo man alt werden will. Und vor allem: wo nicht.

 

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